Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.




 

Richtig

      

Ich bin angeschlagen. Ziemlich kaputt. Es geht nicht viel. Einmal die Treppe runter und wieder rauf reicht schon, damit ich mich müde und erschöpft fühle. Ich schlappe auf den Balkon hinaus und lege mich in den Liegestuhl.

 

Ein paar Tage mit hohem Fieber und einer fiesen Entzündung haben ausgereicht, um mich auf den Boden des „Menschseins“ zurückzuholen. Krankheit, so schrecklich sie auch sein kann, ist oft der beste Lehrmeister in Sachen Bescheidenheit, Demut und Dankbarkeit. Egal wer du bist, egal was du hast, egal wohin du willst, wenn deine Gesundheit zusammenbricht, liegt alles am Boden. Das komplizierte, hochgradig intellektuelle und komplexe „System Mensch“ verwandelt sich sehr schnell wieder in ein Stück zuckendes Fleisch aus Muskeln, Nerven, Sehnen, Knochen, Innereien und noch ein paar anderen Dingen, die allesamt ziemlich anfällig sind für eine schier unendliche Anzahl von Krankheiten.

 

Ich fühle mich noch immer bescheiden, aber ich denke, dass ich die Talsohle dieses „Niederschlags“ hoffentlich durchquert habe. Ich strecke meine Beine im Liegestuhl aus und trinke einen Schluck Tee. Was im Übrigen ein sicheres Zeichen dafür ist, dass ich krank bin. Ich würde ansonsten nie auf die Idee kommen Tee zur trinken. So etwas gibt es bei mir nur im Winter, und auch dann nur mit Rum, und auch dann nur, wenn der Glühwein ausgegangen ist.

 

Eine seichte Brise weht über den Balkon. Im Himmel sehe ich einen Trupp Mauersegler, die auf Insektenjagd sind. Dazu spielt die Natur Vogelgezwitscher und das Rauschen des Bachs, vor dem Grundstück, ab. Das ist jetzt wirklich auszuhalten. Ich nicke fast ein, als mich plötzlich ein Jubelschrei aus meinen Gedanken reißt. Ein paar Grundstücke weiter, das kann ich jetzt von meiner erhöhten Perspektive aus gut sehen, wird Fußball gespielt. Die Nachbarn scheinen Urlaub zu haben. Mutter, Vater, Kind, Großeltern und Hund sind im Garten versammelt. Der Vater hat gerade den Ball in das selbsterrichtete Tor geschossen und macht „den Flieger.“ Mit ausgebreiteten Armen läuft er über den Rasen und lässt sich von seiner kleinen Tochter feiern, während der Hund, wie verrückt bellend, neben den beiden herläuft. Ein schönes Bild.

Dazu höre ich Anfeuerungen, Freudenschreie und verzweifelte Ausrufe des Versagens, wie ich sie aus meiner aktiven Fußballzeit noch all zu gut in Erinnerung habe. Nichts davon ist negativ belegt oder deprimierend. Da wird gespielt! Im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Ich richte mich in meinem Stuhl auf. Das interessiert mich jetzt doch. Der Blick ist mir ein wenig von Büschen und Bäumen verstellt, aber ich sehe die gesamte Familie, vom kleinen Kind bis zum Großvater über den Rasen hetzen. Der Ball fliegt mal von links nach rechts, mal andersherum. Während der Vater dem Leder nachjagt, hält er ab und zu an der prall gefüllten Wäschespinne an und prüft, ob die Wäsche schon trocken ist. Sehr praktisch. Hinter dem Spielfeld sehe ich die rosafarbene Piratenflagge im Wind flattern, die mein Auge schon so oft erfreut hat, wenn ich vom Balkon schaute. Der Wind pustet dieses „Schreckenssymbol“, bei dem Farbe und Aufdruck so irgendwie gar nicht zueinander passen, sehr lustig durch die Luft.



Ich sehe und höre ein paar Minuten und denke: Richtig! Sie machen es genau richtig! Da warten noch so viele Hindernisse, Schwierigkeiten und Hürden auf sie, von denen sie im Moment nichts ahnen. Und keiner von ihnen verschwendet in diesen Minuten auch nur einen Gedanken daran. Jetzt wird gespielt und das Leben genossen. Auf dem grünen Rasen hinter dem Haus steht nichts im Wege. Es sind keine Schwierigkeiten zu erwarten. Alle Ängste sind weit fort. Es gibt keine Fallgruben, Stolperstricke oder Unwegsamkeiten. Wenn man dann zusammen ist und einen Ball hat; man müsste verrückt sein, würde man nicht spielen. Der Sinn des Lebens kann oft sehr einfach sein. Sobald man anfängt sich schwerwiegenden Gedanken über die Zukunft zu machen, wird man ihn niemals finden. Sicher soll und darf man planen. Aber wer glaubt, dass ein Plan die demnächst zu erwartende Realität ist, der ist ein Narr.

 

Das Spiel nimmt an Rasanz und Schnelligkeit zu. Der Hund weiß kaum noch aus und ein. Immer wieder landet der Ball im Netz und jede Aktion verbindet die Menschen auf dem Rasen in ihrer Freude. Ich hoffe, sie werden sich diese Freude für den Moment ein Leben lang erhalten können. Das wird nicht einfach, denn es wird Rückschläge geben. Auf jeden Fall sehe ich, dass sie wissen, wie man lebt. Das allein ist die schon die halbe Miete für das Finden von Zufriedenheit und Glück, wonach die meisten Menschen erfolglos suchen. Es gefällt mir, da zuzuschauen. Als sich dann am Ende herausstellt, dass(übrigens wie immer) der Ball die meiste Luft auf dem Platz hat, ist für die Fußballer eine Pause angesagt. Die Wäsche ist mittlerweile auch trocken. Alle trotten freudig zusammen zum Mittagessen und ich quäle mich aus meinem Liegestuhl hoch und denke: Ich müsste auch mal wieder gegen einen Ball treten. Aber als nächstes werde ich diese Geschichte aufschreiben…  

     

           

Thomas Knackstedt

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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