Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 


Der Drache und das Kind.

 

Wie bin ich in diesen seltsamen Traum geraten? Was hat sich tagsüber in den hintersten Windungen meines Gehirns versteckt, dass jetzt nach draußen will? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur eins: In Momenten wie diesen bin ich mir nicht sicher, ob wir nicht vielleicht in unseren Träumen wirklich leben und das tatsächliche Leben nur eine Illusion ist. Die Bilder, die mein schlafendes Gehirn produziert sind echter als alles, was meine Augen im wachen Zustand jemals gesehen haben. Sie sind so fühlbar real wie Zahnschmerzen und haben mit meinem Leben nichts zu tun.

 

Ich bin ein Krieger. Ein Krieger auf der Flucht. Ich stecke tief in einem Höhlenlabyrinth und habe mich haltlos verlaufen. Im Dämmerlicht der Höhlengänge klettere ich über Felsen, ducke mich durch niedrige Tunnel und renne auf steinigem Boden.

 

Ich bin in einen Krieg gezogen, den ich nicht gewinnen kann. Mein Gegner: Ein Drache. Ein atemberaubend furchteinflößender Drache. So groß wie ein Hochhaus. Wild, archaisch, unglaublich stark und unverwundbar zugleich. Seine Haut strahlt in einem blutigen Rot und sieht aus, als wäre sie flüssig. Fast so, als würde sie aus wabernden, pulsierenden Blutströmen bestehen. Doch meine Lanze zersplitterte an ihr, als hätte ich versucht, mit einem Zahnstocher ein schmiedeeisernes Tor aufzuhebeln. Mein Angriff wurde von dem riesigen Fabelwesen nicht einmal bemerkt. Was mir blieb war die Flucht. Hinter mir das schreckliche Wesen und Ströme von Feuer, die es aus seinem Maul entließ.

 

Ich rettete mich in ein Labyrinth aus Höhlengängen. Mein Pferd wurde vom Feuerstrahl des Drachen getroffen. Es brannte wie eine Fackel und nur ein Sprung nach vorn rettete mich vor dem sicheren Tod. Sich dem Gegner zu stellen ist es, wofür ich gelebt habe. Doch hier ist das so sinnlos wie wenig Erfolg versprechend. Ich renne um mein Leben. Andere Alternativen gibt es nicht.

 

Das Labyrinth der Höhle ist verzweigt und schier endlos. Ich biege wahllos rechts und links ab. Laufe durch Gänge, die für Zwerge geschaffen wurden und hetze durch Hallen, deren Decken ich nur erahnen kann. Ich erklettere Felsformationen und hangele mich an Abgründen entlang. Doch egal wie schnell und verwinkelt meine Flucht auch ist, hinter mir höre ich das Scharren der riesigen Drachenklauen auf dem Fels. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich den Lichtschein des Drachenfeuers auf meiner Fährte. Noch habe ich genügend Kraft, um die Flucht fortzusetzen, noch…


 

In Träumen beschleunigen sich die Abläufe manchmal rasant. Oder man klebt an einer Stelle der Handlung fest, wie eine Fliege am Leimstreifen. In meinem Traum geht es rasend schnell. Ich merke praktisch im Zeitraffer, dass meine Kraft nicht mehr ausreicht, um meine Muskeln mit Energie zu versorgen. Ich bin am Ende. Kraftlos, schwach, ausgezehrt. Jeder Meter fällt mir unglaublich schwer. Ich bin schweißnass und halte an. Noch habe ich mein Schwert. Ich weiß genau, dass es nichts ausrichten kann gegen den Drachen. Gar nichts. Aber selbst das ist mir jetzt egal. Ich kauere mich hinter einen Felsen und warte auf den geflügelten, feurigen Tod. Ich sehe den Schatten der Bestie um den Felsvorsprung herum streifen. Dann schiebt sich die erste Klaue und letztendlich der ganze, riesige Drache in mein Blickfeld. Die rote Haut pulsiert wie das Feuer eines Vulkans. Ich kann die Hitze bereits spüren. Der Drache verlangsamt seinen Schritt. Er weiß, dass er gewonnen hat. Ich umklammere den Griff meines Schwertes. Meine Fingerknöchel werden blutleer, so fest greife ich zu. Ich will es schnell zu Ende bringen. Aufspringen, dem Drachen entgegen rennen, das Schwert zum Stoß ausholend. Es gibt keine andere Alternative.

 

Als ich aufstehen will, bemerke ich aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung. Ich schaue zur Seite und neben mir steht ein Kind. Ich habe keine Ahnung, wie es da hingekommen ist. Es ist ziemlich klein und schaut mich freundlich an. Es lächelt. Ich muss in meinem Traum träumen. Anders kann ich mir das nicht erklären. Ich schließe die Augen und öffne sie wieder. Das Kind steht noch immer neben mir. Ich könnte nicht mal sagen, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist. Auf jeden Fall freut es sich und zeigt mit dem ausgestreckten Arm auf den blutroten Drachen. Das ist zuviel für mich. Jetzt werde ich hier nicht allein den Heldentod sterben, sondern auch noch dieses unschuldige Kind mit in den Tod reißen. Aber dann registriere ich, dass der Drachen stehen geblieben ist. Ich bin wie gelähmt, kann mich kaum bewegen. Das Kind lacht mich an und geht langsam auf den Drachen zu…

 

Ich müsste jetzt… ja was? In meinem Kopf rattert eine Maschine, die kurz vor dem Zusammenbruch steht. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, bin gelähmt vor Schock, Schmerz und Frustration. Das Kind hat den Drachen fast erreicht und das gewaltige Tier schiebt seinen Kopf langsam in dessen Richtung. Gleich wird das Kind brennen oder gefressen werden. Eines von beiden. Ich kann mich nicht rühren, bin so nutzlos wie ein Glas Wasser in einem Feuersturm. Aber ich kann nicht wegschauen. Irgendetwas an dieser Szene ist surreal. Ich weiß nicht was, aber auf jeden Fall ist dieser Film vor meinen Augen keine Dokumentation, soviel steht fest.

 

Dann erreicht der Drachenschädel das Kind. Jetzt, ganz genau jetzt wird es passieren. Doch zunächst geschieht gar nichts. Das Kind lacht und der Drache hält inne, als wäre er in der Zeit eingefroren. Dann streckt das Kind seine Hand aus und berührt das Maul des Drachen. Von einer Sekunde zur anderen verändert sich alles. Dort, wo das Kind das Ungeheuer berührt, verfärbt sich dessen blutrote Haut zunächst in ein honigfarbenes, mildes Gelb. Wie die Wellen, die ein in einen See geworfener Stein verursacht, verbreitet sich dieses Gelb über den ganzen Drachenkörper. Der Drache hält mucksmäuschenstill und wieder lacht das Kind. Noch einmal stupst es den Drachen an und aus dem milden Gelb wird innerhalb von wenigen Sekunden ein strahlendes Gold. Ich bin so perplex, dass ich fast das Atmen vergesse.

 

Dann streicht der Drache mit unglaublicher Zärtlichkeit am Körper des Kindes entlang, dreht sich um und fliegt mit weit gebreiteten Schwingen davon. Die Starre fällt von mir ab. Mein Leben wird heute nicht enden! Das Kind dreht sich zu mir um und winkt mir zu. Ich hebe meine Hand und winke zurück. Dann ist das Kind verschwunden, wie es gekommen ist. Ich habe nichts davon mitbekommen.

 

Ich bin frei. Ich kann gehen, wohin ich will. Ich bin nicht in Gefahr. Ich lasse mein Schwert fallen und gehe davon. Immer geradeaus, ohne festes Ziel. Ich weiß nicht, wie ich das Gesehene in meinem Kopf unterbringen soll. Ich habe keine Ahnung. Im Moment weiß ich nur eins: Kindliche Unschuld kann stärker sein, als alle Macht der Welt.

 

Wie bin ich in diesen seltsamen Traum geraten? Was hat sich tagsüber in den hintersten Windungen meines Gehirns versteckt, dass jetzt nach draußen will? Ich werde diese Frage niemals beantworten können. Aber diesen Traum, den habe ich für mich. Wer weiß, vielleicht kann ich ihn eines Tages gut gebrauchen…   



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

00903235