Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 

 

Ein Haus, eine Idee und vier Läufer.

 

Wer einmal beim Mauerweglauf in Berlin gestartet ist, der wird ihn nicht vergessen. Auf dem ehemaligen Standort der Mauer zu laufen, die Ost und West getrennt hat, ist etwas ganz Besonderes. Vor allem die Geschichten, die durch die menschenverachtende Grenzziehung und deren Überwachung geschrieben wurden, bewegen die Menschen noch heute.

 

Wir sind 2017 mit Dorit, Friedel, Erich und mir gestartet und haben einen guten 12. Platz bei den Viererstaffeln belegt. In diesem Jahr ersetzt Tobi Erich. Damit ist unsere Staffel mit Menschen besetzt, die alle mit dem Kottbusser Damm 101 in Verbindung stehen. Der Staffelname war daher schnell klar: KD101.

 

Als Kathrin und ich anreisen, denke ich an all die schönen Erlebnisse, die ich mit dem Mauerweglauf verbinde. Wir rauschen am Freitagmorgen problemlos ins Dicke B. Das ist nicht alltäglich und ich werte das mal als ein gutes Zeichen.

 

Die Parkplatzsuche gestaltet sich schwierig und den Weg vom Auto zu Anna kann ich unter Warmlaufen verbuchen. Wir begrüßen die Kinder und Enkel und kurze Zeit später sitze ich bei Dorit und Friedel, um alles für unseren Lauf abzusprechen.

 

Dorit und Friedel haben Irene und Rainer zu Gast. Rainer will die ganzen 161 Kilometer allein laufen.  Das würde ich mir nicht zutrauen. Doch Rainer ist guter Dinge und zuversichtlich. Dorit und ich sind angespannt. Friedel, der Mann mit dem sonnigen Gemüt, kennt das Wort Anspannung nicht. Unser vierter Mann, Tobi, hat Kinderdienst. Die Marschtabelle ist klar, Dorit notiert sich die Zeiten und nach ein paar Minuten haben wir alles im Kasten. 

 

Anschließend fahren wir mit den Rädern zur Abholung der Startunterlagen. Im Hotel ist die Hölle los und die Aufregung der Läufer ist mit Händen zu greifen. Die Luft im Vorraum ist zum Schneiden und wir zischen schnell wieder ab, nachdem wir unsere Klamotten erhalten haben.


 

Abends gibt es Nudeln bei Anna. Die Kinder stopfen sich voll und wir machen es ihnen nach. Dann geht es aufs Sofa und wir träumen im Schlaf von einem erfolgreichen Lauf.

 

Um halb Neun gibt es Frühstück und der Liveticker des Rennens zeigt mir, dass Friedel meine „Anweisung“ befolgt. Als ich letztes Jahr die Bilder seiner Laufbegleitung erhielt, staunte ich nicht schlecht. Friedel stand auf jedem Bild irgendwo herum, hatte eine hübsche Frau im Arm und lächelte in die Kamera. Dieses Jahr bat ich ihn, sich mehr aufs Laufen zu konzentrieren, denn: Jeder Lauf, bei dem man sich eine Startnummer ans Shirt pappt, hat auch was mit Zeit zu tun. So sehe ich das jedenfalls…

 

Tobi und ich verfolgen Friedels Splits und sind begeistert. Unser Kapitän ist verdammt gut unterwegs. Das heißt für Tobi: Früher Sachen packen und ab Richtung Teltower Sportplatz. Tatsächlich schafft Friedel die 59 Kilometer unter 6 Stunden. Der Wahnsinn! Während Tobi übernimmt, fahren Ella, Kathrin, Irene und ich zum Schloss Sacrow. Irene will Rainer ab dort mit dem Rad begleiten. Sie ist ein wenig besorgt, denn Rainer hat Probleme und kommt nicht wirklich gut voran.

 

Das Schloss hat seinen ganz eigenen Reiz. Jetzt kommt auch die Sonne raus und es wird warm. Ich denke an Tobi. Der hat es jetzt schwer. Als wir seine Zwischenzeiten kontrollieren, erkennen wir, dass auch er sehr gut unterwegs ist. Ich trinke noch etwas, albere ein wenig mit Ella herum und Irene fährt Tobi entgegen. Es dauert nicht lange und sie kehrt zurück: Tobi ist im Anflug! Ella empfängt ihren schnellen Papa gebührend...


 

Im Moment des Loslaufens ist die Anspannung vorbei. Jetzt heißt es funktionieren. Ich laufe meinen Fünf Minuten Schnitt auf den Kilometer an und versuche ihn so lange wie möglich zu halten. Die Strecke liegt zum Glück zum größten Teil im Schatten. Ich komme ganz gut ins Laufen, merke aber schon, dass es mir schwerer fällt als im Vorjahr. Da startete ich als zweiter Läufer in ein großes Läuferfeld hinein und überholte ungezählte Läufer. An Position 3, mit so schnellen Vorläufern, sieht das anders aus. Das Feld ist extrem ausgedünnt und wir mit jedem Kilometer noch überschaubarer. Auf meinen ersten 20 Kilometern muss ich vor fünf roten Ampeln stoppen, aber das kostet mich nur ganze 2 Minuten. An einer Ampel steht eine Ordnerin, die aufpasst, dass niemand bei rot die Straße passiert. Sie schaut mich ziemlich grimmig an.  Ihr Blick signalisiert: „Wage es nicht!“ Als ich dann bei grün laufe, lächelt sie und klatscht Beifall. Das ist schon ein bisschen verrückt. Ich überhole ein paar Einzelläufer aus dem vorderen Feld und ziehe meinen Hut. Die Mädels und Jungs sind verdammt zäh.


 

Auf meinen letzten 17 Kilometern bin ich komplett allein. Ich muss mich einbringen, vor allem mit dem Kopf. Ich denke an Alan Silitoes Roman „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers.“ Das passt gut. Meine Beine sind schwer, ich fühle, dass ich an meinem körperlichen Limit laufe. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass mich jeder Schritt Dorit näher bringt. Ich habe Dutzende dieser Rennen hinter mir. Ich werde nicht viel Zeit verlieren, auch wenn es schwer fällt. Auf dem letzten Kilometer muckt auch noch mein rechter Fuß, fühlt sich wie durchgetreten an.  Das ignoriere ich. Als ich Friedels Stimme laut „Thomas“ rufen höre, habe ich es geschafft. Ich sehe Dorit fünfzig Meter vor mir. Sie scheint so kribblig wie ein Bienenschwarm zu sein, hüpft auf der Stelle und winkt mir zu. Sekunden später schließe ich sie in die Arme, übergebe ihr den Transponder und unsere Schlussläuferin ist auf dem Weg zum Ziel.



TEIL 2


                                    

Am Verpflegungspunkt Ruderclub Oberhavel  in Hennigsdorf ist ordentlich was los. Ich bin fix und fertig. Beim Umziehen falle ich fast hin und brauche erst einmal Wasser, Saft und ein Dunkelbier. Dann noch ein Akoholfreies und es wird langsam besser. Ich gehe zum Bahnhof, na ja… schleichen trifft es besser. Auf den Treppenstufen zu Gleis 5 hinauf wanke und wackele ich nicht schlecht. Dann sitze ich endlich in der S25. Die Fahrt zum Gesundbrunnen ist okay. Nach dem umsteigen in die U8 denke ich, ich sitze in der Sauna. Als ich aus der U-Bahn aussteige, mache ich drei Kreuze. Ehe ich klingele, gehe ich in Gökis Späti und kaufe mir eine Fritz Limo und eine Apfelschorle.



Wieder in der Wohnung falle ich Tobi in die Arme. Kathrin macht mir einen Teller mit Obst. Was für ein Segen! Etwas anderes würde ich jetzt auch nicht runterkriegen. Wir tauschen kurz unsere Erlebnisse aus, dann hüpfe ich unter die Dusche.

 

Kathrin und ich sind auf dem Weg zum Ziel. In der U-Bahn ist es noch genau so warm wie vorhin. Als wir an der Bernauer aussteigen, empfängt uns die kühle Abendluft. Sehr, sehr angenehm. Wir schlendern zum Stadion und sehen im Liveticker, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis Dorit ins Ziel kommt. Vorfreude macht sich breit.


Wir haben noch ein wenig Zeit und ich hole mir ein Bier. Das ist dieses Jahr wunderbar kalt. Dann lachen mich noch zwei hartgekochte Eier an. Ich verspüre wieder Hunger und verdrücke die Eier im Eiltempo. Nach und nach laufen Staffeln und Einzelläufer ins Ziel. Jeder, der diese Tortur schafft, ist ein Held. Dann kommt Friedel auf dem Fahrrad. Er stellt seinen Drahtesel am Zaun ab und wir fallen uns in die Arme. „Dorit kommt gleich“ sagt er uns und da sehen wir auch schon ihre Kopflampe auf uns zulaufen.



Zu dritt nehmen wir die letzte Runde im Stadion. Die bunten, beleuchteten Positionsbälle um die Bahn herum, verbreiten ein warmes, weiches Licht. Meine Beine protestieren nicht, als sie mit Dorit und Friedel die letzten Meter gemeinsam laufen. Das ist ein schönes Erlebnis. Schade, dass Tobi nicht dabei ist. Der passt zu Hause auf die kleine Ella auf. Im Ziel liegen wir uns in den Armen. Geschafft! Eine halbe Stunde schneller als im letzten Jahr. 15:17 Stunden für 161 Kilometer. Nicht schlecht für ein Trio von älteren Herrschaften in Begleitung eines „Jungspunds“ von 40 Jahren.


Wir quatschen minutenlang um die Wette, ehe langsam die Ruhe und die Zufriedenheit über einen gelungenen Mauerweglauf Einzug in unser Denken halten. Dorit und Friedel wollen eigentlich noch auf dem Rad Rainer entgegen fahren, denn der läuft in seinen Geburtstag hinein. Doch daraus wird nichts. Rainer ist schwer angeschlagen. Er kommt nicht wirklich voran und muss sein Rennen später, bei Kilometer 128 beenden. Schade.



Wieder zu Hause sitze ich mit Kathrin auf dem Sofa. Bei Weißbier und Brot lassen wir den Tag Revue passieren. Es war ein guter Tag. Verbracht mit Familie und Freunden. Es war anstrengend, aber auch befriedigend. Als ich eine Stunde später im Bett liege, führen meine Beine ein schmerzhaftes Eigenleben. Wer weiß, vielleicht bin ich doch zu alt für diesen Scheiß.


Die Siegerehrung ist der Hammer. Der große Saal des H4-Hotels platzt aus allen Nähten. Läuferinnen und Läufer wohin man sieht. Es wird gehumpelt, steifbeinig gegangen und gestöhnt. Vor allem aber wird gelacht. Die Freude, es wieder einmal geschafft zu haben, überstrahlt sämtliche Leiden. Unsere Bekannte Waltraud ist zu uns gestoßen. Sie war auch letztes Jahr als Zuschauerin an unserer Seite und wir freuen uns, dass wir sie dabei haben.



Als wir eintreffen wird auf der Bühne gerade die Lehrerin des Schülers Jörg Hoffmann interviewt, der 1966 im Alter von 10 Jahren an der Berliner Mauer erschossen wurde. Die Geschichte, die von der Frau erzählt wird, ist so ergreifend und authentisch, dass man im Saal eine Stecknadel fallen hören könnte. Uns allen wird bewusst, wie wenig selbstverständlich unser derzeitiges unbeschwertes Leben ist. Wie viel Glück wir haben, uns auf das Leben und nicht das Überleben konzentrieren zu müssen.


Nach und nach werden die Staffeln auf die Bühne gerufen. Egal, welcher Platz auch belegt wurde, es gibt nur Sieger. Mit Dorit und Friedel auf dem Podest zu stehen ist eine besondere Ehre für mich. Allein dafür hat sich die Fahrt nach Berlin schon gelohnt.



Wieder vor dem Hotel wollen sich meine Laufbegleiter und Waltraud Fotos, die sie geschossen haben, per Whatsapp zusenden. Da ich weder ein Smartphone noch Ahnung habe, bin ich ausgeschlossen, als die drei an ihren Handys rumwerkeln. Ein lustiges Bild.



Wir trennen uns vor dem Hotel, wissen aber genau, dass wir uns bald wiedersehen werden. Da ist noch ein bisschen mehr als der Mauerweglauf, was uns vereint. 2019 schauen wir dann wie es weitergeht mit unserer Staffel. Also wenn ihr mich fragt: Es wäre mir eine Ehre…




Thomas Knackstedt





 

 

 

 

 

 

 

 

 

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