Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 


Wie konnte das passieren?


Der Schweiß tropft in Strömen vom Rand meines Basecaps. Meine Beine sind schwer, die Lunge pfeift, die Arme fühlen sich schon ein wenig spackelig an. Das kann doch alles nicht wahr sein. Okay, ich könnte jetzt vielleicht noch einen kleinen Tuck zulegen, aber viel ginge im Moment nicht mehr. Zum Glück habe ich meinen Lauf in der Mittagspause fast beendet und stehe direkt vor der Dienststelle. Ich hätte momentan Null Bock auch nur noch einen Kilometer weiter zu laufen.


Als ich ins Kommissariat gehe und die Zeiterfassung aktiviere, sehe ich, dass ich genau 40 Minuten unterwegs war. Für acht Kilometer. Gut, es gab eine heftige Steigung in meiner Strecke, aber so richtig lang war die auch nicht. In meinen Gedanken lasse ich den Lauf noch einmal Revue passieren.


Ich musste im letzten Jahr mehrere Monate pausieren, weil meine Achillessehne nicht so wollte, wie ich. Als ich wieder langsam ins Lauftraining einstieg, waren die ersten Läufe zäh. Doch das kenne ich so auch nicht anders. Natürlich bleibt eine lange Pause nicht ohne Auswirkungen auf die eigene Fitness. Nach einem Monat lockerem Training fühlte sich das gar nicht mal schlecht an. Die Sehne hält mich bei geringen Umfängen nicht zurück und Lust auf Laufen habe ich mehr als genug. So dachte ich mir heute in der Mittagspause: Streng dich doch mal wieder an! Also lief ich schneller los als in den letzten Wochen. Das ging ziemlich gut. Eine Uhr hatte ich nicht um, ich würde ja auf der Stechuhr sehen, wie lange ich unterwegs war. Ich hatte schon das Gefühl, dass ich irgendwo im „5 Minuten auf den Kilometer-Tempo“ war. Das Fatale war nur: Ich konnte nicht mehr zulegen. Jedenfalls nicht, ohne mir weh zu tun.


So dackelte ich die 8 Kilometer lange Strecke ab und kam zurück zum Kommissariat. Die Uhr zeigte mir die 40 Minuten an. Ich weiß, für jemanden, der über 60 Jahre alt ist, ist das in Ordnung. Aber tief in meinen Gedanken wusste ich: Vor zwanzig Jahren wäre ich in dieser Zeit, in der Mittagspause, 10 Kilometer gelaufen und hätte nebenbei noch ein Interview gegeben. Dabei wäre mir, bei weitem nicht so der Schweiß ausgebrochen wie heute. Zudem weiß ich heute noch genau, wie leicht und locker sich seinerzeit jeder Schritt angefühlt hat. Darf man da nicht ein wenig frustriert sein?



Wie konnte das passieren? Das ist die Frage aller Fragen. Ich vermute mal, dass es mit dem Alter zu tun hat. Um das zu erahnen, braucht man vermutlich kein Nobelpreisverdächtiges Genie sein. Irgendwie fühlt sich das so an, als ob man abends einen Golf GTI mit 110 PS vor der Tür stehen hat und am nächsten Morgen hat sich der Wagen in einen ganz normalen Golf mit einer 75 PS Maschine verwandelt. Egal, wie sehr man dann auch aufs Gaspedal tritt, der Wagen ist bei weitem nicht so schnell wie sein Vorgänger. Was kann man dagegen tun? Leider kenne ich auch da die Antwort: Nichts! Oder, na ja, vielleicht setzt man die im Alter dazugewonnene Geduld und Gelassenheit ein, um es einfach geschehen zu lassen. Auch die Fahrt mit einem 75 PS Golf kann richtig Spaß machen.
Irgendwann, das weiß ich schon jetzt, werde ich morgens aufwachen und dann steht ein alter Käfer mit einem 34 PS Motor vor dem Haus. Auch das werde ich hinbekommen. Hauptsache, die Karre fährt…



Thomas Knackstedt