Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.





Die folgende Geschichte aufzuschreiben war mir eine Ehre. Es gibt so viele Stories um einen herum, die man wahrnimmt, die aber nie zu Papier gebracht werden. Bei dieser hier wäre das, menier Ansicht nach, sehr schade gewesen...



Von einer, die auszog…

 

… 100 Kilometer zu laufen. Von ihr handelt diese Geschichte; wobei zur Verwirklichung des Traums von dem ich hier erzähle, zwei Menschen gehören. Wäre das hier ein Film, so würden als erstes auf der Leinwand die Worte „Nach einer wahren Begebenheit“ erscheinen. Solche Geschichten mag ich am liebsten…

 

Die 100 Kilometer von Biel! Für jeden Läufer ist dieser Lauf die Krone dessen, was man sich in Sachen Langstreckenlauf vorstellen kann. 100 Kilometer durch die Nacht und das Berner Oberland. Eine Strecke, die viel verlangt und ein Publikum, wie man es sich dankbarer nicht vorstellen kann, erwarten die Teilnehmer. Als ich 1999 den Lauf zum ersten Mal absolvierte, war das ein sportlicher Quantensprung für mich. Ich hätte niemals gedacht, dass ich solch eine Distanz laufen könnte. Doch es funktionierte. Obwohl es die gesamte Nacht hindurch regnete, kam ich ins Ziel und war körperlich so am Ende, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Später ging das alles leichter, doch diesen ersten Lauf, den werde ich niemals vergessen.

 

Ich gehe davon aus, dass es Ute genau so gehen wird. Obwohl ihr erster Lauf in Biel ganz anders verlaufen ist als meiner. Doch dazu später mehr.

 

Ich kenne Ute seit ein paar Jahren. Eher flüchtig, würde ich sagen. Obwohl ich seit über 20 Jahren eine Laufgruppe trainiere und auch selbst als Läufer von den 10 Kilometern bis zum Ultralauf unterwegs bin, stecke ich persönlich nicht in der Szene. Volksläufe sind heute nicht unbedingt mehr mein Ding. Sich jede Woche mit den gleichen Menschen zu treffen, um mit ihnen um die Wette zu laufen, halte ich eher für seltsam. Dafür sind mir meine Zeit und meine Familie viel zu wichtig. Ich bin ein Marathonläufer. Wenn ich drei gut vorbereitete Marathonrennen im Jahr laufen kann, erfüllt das alle meine läuferischen Wünsche. Natürlich weiß ich schon, wer laufend unterwegs ist. Früher lief ich deutlich mehr Wettkämpfe. Dabei lernte ich Arien kennen, der für den Dasseler SC läuft. Und später auch Ute, die mittlerweile mit Arien zusammen ist.

 

Während Arien ein ausgewiesener Langstreckler ist, der sich auf den großen Läufen in der Szene auskennt und Top-Ergebnisse gelaufen ist, sortierte ich Ute immer als absolute Spaßläuferin ein. Wenn ich sie bei unserem Hilskammlauf sah, oder auf anderen Wettkämpfen, dann bestach sie nicht durch schnelle Zeiten, sondern immer durch extrem gute Laune. Das fiel mir auf. Im Übrigen mag ich gut gelaunte Jogger ohnehin lieber als miesepetrige Hochgeschwindigkeitsläufer.

 

Anfang des Jahres bekam ich dann mit, dass sich Ute, zusammen mit Arien, für einige Ultraläufe angemeldet hatte. Ich sah sie in den Starterlisten des Rennsteiglaufs und der 100 Kilometer von Biel. Ich dachte mir: Respekt! Wie soll das gehen? Arien weiß genau, auf was er sich da einlässt, aber Ute? Schließlich benötigte sie bei den meisten Halbmarathonstarts, die ich verfolgte, so um die 2 Stunden um das Ziel zu erreichen. In „meiner Laufwelt“ potenzieren sich diese Zeiten bei längeren Strecken überproportional. Das konnten also verdammt „lange Kanten“ werden. Falls Ute überhaupt ankommen würde. Ich gelobte mir, diese Geschichte im Auge zu behalten. Meine Neugier war geweckt…


Einmal im Leben wollte ich Biel laufen. Ich bin jetzt fast 53 Jahre alt und spüre, wie mir die Zeit davon läuft. Von Arien und euch Delligsern hatte ich schon so viel von dem Lauf gehört: Einmal im Leben musst du als Läufer in Biel gewesen sein! Die Nacht der Nächte!



Das ging Ute also durch den Kopf. Sachen gibt es. Früher habe ich genau so gedacht. Ganz genau so. Mittlerweile halte ich nichts mehr von Sätzen, die irgendwo die Passage „du musst“ enthalten. Auch Werner Sonntag hat es da ein kleines bisschen übertrieben. Mein Leben wäre auch ohne Biel einen guten Weg gegangen. Aber wenn man als Läufer diese Art von Motivation in seinen Kopf hineinlässt, kann einen das auch weit bringen. Bei Ute sorgte es in jedem Fall dafür, dass sie anfing gezielt zu trainieren. Wie könnte das besser gehen, als mit einem Trainer an der Seite, der genau weiß, wovon er spricht, wenn er von Biel spricht.


Ich bin in den letzten sieben Jahren nicht wirklich ambitioniert gelaufen und ich wette, im Januar 2019 hätten mir max. 3 von 45 Laufgruppenmitgliedern einen Lauf über 100 km zugetraut. Ich selbst war nicht unter den Dreien. Eine Strecke, die ich noch nie gelaufen war. Und trotzdem ab Januar 2019 habe ich bis zum 7.6.19 fast täglich mit stetigen Wochenkilometersteigerungen trainiert.

 


Ich könnte heute nicht mehr alle Läuferinnen und Läufer aufzählen, die ich trainiert habe. Es waren Menschen dabei, die mit unglaublichem Talent gesegnet waren. Denen musste ich nur ein paar Tipps geben und sie rannten den Marathon unter 3 Stunden. Andere durchbrachen diese Schallmauer nur, in dem sie knallhart an sich arbeiteten, jede Menge Verzicht übten und ihr Ziel unglaublich fokussiert ins Visier nahmen. Wieder andere konnten machen was sie wollten, sie schafften diese Ziele nie, obwohl sie immer wieder von ihnen träumten.


5 Monate Lauftraining inkl. Trainingswettkämpfe folgten Rotterdam Marathon, Harzquerung, Rennsteig Supermarathon - alles zusammen mit Ariën gelaufen. Es war alles nach Plan. Ariën hatte diese Steigerungen so fest gelegt, schließlich wusste er wovon er spricht, da er selbst schon 5 Finish in Biel in der Tasche hatte. Ich hatte soviel Respekt vor dem Lauf, dass ich mir bis zum Start nicht sicher war, ob ich da jemals ankommen würde. Die Zeit war mir völlig egal.



Als ich mit Sabine Schmidtke, der besten Läuferin, die ich jemals trainiert habe, nach Biel fuhr, passierte genau das. Wir waren mit dem Auto Höhe Kassel, als ich zu ihr sagte: „Morgen werden wir genau diese Strecke laufen. Von zu Hause bis hier waren das 100 Kilometer.“ Sabine wurde kreidebleich und weigerte sich, am nächsten Tag zu laufen. Sie zu überreden, an den Start zu gehen, war vielleicht die größte Trainerleistung, die ich jemals vollbracht habe. Sabine wurde am Ende Gesamtvierte, in einer Zeit von 9:10 Stunden, obwohl sie alles falsch machte, was sie falsch machen konnte. Sie hatte unglaublichen Respekt vor dem Lauf in Biel. Eigentlich vor jedem großen Wettkampf. Genau diesen Respekt vermisse ich heute bei den Vielstartern und Ultra-Semi-Profis so sehr. Von Ute brauche ich nur drei Zeilen ihrer Notizen lesen und weiß: Sie hat ihn! Den Respekt, den jeder Läufer braucht, der seine Grenzen erforschen will.


Als ich Utes Ergebnis vom Rennsteiglauf sah, war ich baff. Glatte 9 Stunden für 73 Kilometer. Wie hatte sie das gemacht? Wo lag ihr Geheimnis? Doch halt, ich weiß, wie Laufen geht. Ich weiß es sogar sehr genau. Es gibt keinerlei Geheimnisse. Keine besonderen Schuhe oder Bekleidungsgegenstände, keine spezielle Ernährung, kein Wundertraining, keine bestimmten Übungen oder Gewohnheiten. Zwar erzählt dir jeder Läufer von irgendwelchen Dingen, die er unbedingt braucht, aber das ist Humbug. Nichts weiter als kompletter Schwachsinn. Du musst trainieren und laufen. Du musst an dich glauben. Du darfst niemals den Respekt vor der Strecke verlieren. Zum Laufen sind deine Füße wichtiger als deine Schuhe, deine Atmung wertvoller als jedes Shirt und deine Cleverness entscheidender als die teuersten Nahrungsergänzungsmittel.


Das Ergebnis aus Schmiedefeld zeigte mir also, dass wir da eine „Langtreterin“ vor uns hatten. Diesen Begriff hat mein Freund Andreas Hünerberg einmal für Läufer benutzt, die scheinbar ihr Grundtempo, das sie auf 10 Kilometer oder den Halbmarathon laufen können, beim Ultra einfach weiterlaufen. Es gibt nicht viele dieser „Langtreter“ aber es gibt sie. Natürlich könnte Ute auch das „blinde Huhn“ sein, das ein Korn gefunden hat, aber diese Möglichkeit gleicht beim Langstreckenlauf einem Sechser im Lotto. Ich würde also weiter beobachten müssen, was das passierte. 


Wir sind dann am Donnerstag zusammen mit unserem E-Fahrradbegleiter Ralph Twele nach Biel gereist. Nachdem wir die Startunterlagen abgeholt hatten, war Camping im Zelt am Bieler See geplant. Die Nacht war ok, aber wie bekommt man so einen ganzen Tag rum, wenn erst um 22 Uhr der Start ist? Die Nervosität stieg trotz Wanderung zum Bieler See auf eine Höchststufe an.

 


Als ich bei meinem ersten Start in Biel, im strömenden Regen, auf den Startschuss wartete, wollte ich eigentlich nur noch nach Hause. Ich dachte: Bist du total bescheuert? Du willst bei diesem Mistwetter 100 Kilometer laufen? Dann ging es los und ich lief in die Nacht hinein. Am Ende des Laufs kroch ich mehr, als das ich lief. Obwohl ich voll konzentriert war, nahm ich aus dieser Nacht so viele Eindrücke mit, an die ich mich heute noch erinnern kann. Eine alte Dame, die mit ihrem noch älteren Hund, nachts um drei Uhr, in einer Gott verlassenen Gegend, vor ihrem Haus auf einem Klappstuhl saß und „Bravo“ rief. Menschen die vor den Gasthöfen saßen, mit großen Bierkrügen in den Händen, und uns zujubelten. Die vollständige Dunkelheit im Ho Chi Minh-Pfad und das laute Gurgeln und Rasen des Gebirgsbachs neben der Strecke. Der Sonnenaufgang und der Blick auf die lange Gerade nach Gosliwill, die endlos schien. Die Ankunft in Biel und mein Füße, die aussahen, als gehörten sie einer Wasserleiche. Biel drückt jedem Läufer seinen Stempel auf. Ob er will oder nicht. Und jetzt würde Ute dort starten. Sie würde versuchen, einen Lauf zu finishen, den ich, und ganz sicher jede Menge anderer Menschen ihr nicht zutrauten. Ich war noch immer skeptisch, aber dieses Rennsteigergebnis zeigte mir, dass ich durchaus mit einer Überraschung würde rechnen müssen.


Um 20:30 Uhr fuhren wir dann endlich Richtung Start, es war noch etwas hell. Ralph Twele startete um 21:30 Uhr mit einer riesigen Fahrradkolonne und Polizeieskorte zu einem Treffpunkt, der 22 km von uns entfernt war - mit meinem Trinkrucksack gefüllt mit Buffer - ohne den ich normalerweise keinen langen Lauf mache. Dann unser Start um 22 Uhr bei 13 Grad und Dunkelheit durch die Bieler Innenstadt - viele Anfeuerer.  Irgendwann fing es an zu regnen, die Anfeuerer gingen schlafen, die Sorge, dass ich an meinen Trinkrucksack gelangen würde. Aber als wir Ralph dann trafen, stand für mich das erste Mal fest, dass ich es schaffen werde. Ich lief und lief, läuferisch begleitet von Ariën und Ralph fuhr mit dem Rad neben uns. Ich hatte keine Einbrüche, gar nix. Ab Kilometer 38 bis zum Ziel haben wir ca. 80 Läufer überholt, die letzten 10 Kilometer waren wir nur von Männern umgeben, keine Frau weit und breit. Den Lauf hatte ich mir in 4 Einheiten je 25 Kilometern im Kopf eingeteilt und habe dann immer von 25 km runtergerechnet. Wenn man bei Kilometer 70 läuft, hört es sich einfacher an - nur noch 5 km bis zum vierten Viertel, als wenn man sich sagt: Noch 30 Kilometer. Ja und dann kamen wir tatsächlich bei sommerlichen Temperaturen und strahlend blauem Himmel nach 11 Stunden und 32 Minuten ins Ziel - unfassbar - überglücklich.



Wir waren mit der Laufgruppe in Polen, als die Bieler Nacht stattfand. Während sich dort die Läufer durch die Dunkelheit arbeiteten, schliefen wir in bequemen Betten, um am nächsten Morgen den Halbmarathon von Grodzisk zu laufen. Der benötigte in diesen Stunden unsere ganze Aufmerksamkeit, denn der Lauf in Polen ist ebenfalls nicht einfach. Doch als wir die „Bratpfanne“ des Grodzisker Laufs hinter uns hatten, wurde das Internet angeworfen. Was ist da wohl in Biel passiert?

 

Das Ergebnis von Ute und Arien, als ich es da vor mir sah, hat mir enormen Respekt eingeflößt. Ich weiß, was es bedeutet Biel zu laufen. Vor allem aber weiß ich, was es bedeutet diese Strecke in 11:32 Stunden zu laufen, obwohl man nicht unbedingt der geborene Läufer/die geborene Läuferin ist. Ich konnte mir in diesem Moment sehr gut die Glücksgefühle vorstellen, die Ute und Arien gerade durchlebten. Zudem bestätigte mich dieses Ergebnis, dass man mit Disziplin, Willenskraft, gutem Training und der richtigen Einstellung eine Menge bewegen kann. Das hatte Ute uns allen in beeindruckender Art und Weise gezeigt.

 

 

Natürlich schrieb ich ihr. Das mache ich im Übrigen sehr selten. Leicht verschenktes Lob ist kein Geschenk, im Gegenteil. Aber hier hatte jemand eine Leistung vollbracht, die ich als wirklich herausragend betrachte. Zu meinem Lob gesellte sich die Anfrage, ob Ute mir ein paar Notizen zu ihrem Lauf senden würde und ob ich über ihren Start etwas schreiben und veröffentlichen dürfe. Als sie mir ihr OK schickte, machte ich mich mit Freude an die Arbeit. Diese Geschichte aufs Papier zu bringen würde mir eine Ehre sein. Jeder Buchstabe existierte bereits in meinem Kopf, ich brauchte ihn nur aufzuschreiben.

 

Jetzt steht sie hier. Die Geschichte von einer, die auszog um 100 Kilometer zu laufen. Wenn Menschen sich Träume verwirklichen, egal wie groß oder klein sie auch sein mögen, sind das immer Geschichten die erzählt werden wollen. Ute wird den 100 Kilometern von Biel einen Ehrenplatz im Speicher ihrer Gedanken widmen. Da bin ich mir sicher. Nichts und niemand kann ihr dieses außergewöhnliche Erlebnis jemals wieder nehmen. Wer weiß, vielleicht kommt da noch viel viel mehr. Oder auch nicht. Im Endeffekt ist das egal. Dieser erste Lauf über die ganz lange Distanz wird in jedem Fall etwas Besonderes bleiben.



Thomas Knackstedt

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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