Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 

 

Mit Giancarlo auf dem Klo.


Es gibt Erlebnisse, die wollen einfach erzählt werden. Egal wann und wo sie auch passieren. Eine dieser Geschichten findet auf der Gästetoilette eines Wiener Hotels an einem Freitagmorgen statt. Beim Frühstück ist die Hölle los. Wir haben unseren letzten Tag und bereiten uns geistig und körperlich auf den Rückflug vor. Um uns herum wird auf Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch und Japanisch diskutiert. Wien ist eine Weltstadt und ein Magnet für Touristen, soviel steht fest.


Nach dem reichhaltigen Essen ziehen sich die Liebe meines Lebens und ich noch in den Innenhof des Hotels zurück, um dort einen Verlängerten zu genießen. Das hat sich in den letzten Tagen als festes Ritual in unser Leben eingeschlichen. Wir sind nicht die einzigen Gäste, denen es im Innenhof des Hotels gefällt. In den letzten Tagen saßen am Nebentisch immer mehrere italienische Männer und Frauen, die stets in tiefschürfende Gespräche vertieft waren, die mit jeder Menge Emotionen sowie Händen und Füßen geführt wurden. Eine echt heiße Truppe.


Nach dem Kaffee geht es für mich auf die Gästetoilette des Hotels. Eine sehr gediegene Anlage mit einem echten Wohlfühlambiente. Als ich dort Platz genommen und die Tür verschlossen habe, beginnt eine Art akustisches Kino für mich.


In die Stille, die hier herrscht, fällt plötzlich ein Gesprächstornado der besonderen Art ein. Die Tür wird aufgerissen und zwei Männerstimmen sprechen im Wettstreit miteinander. Sie kommen mir sofort bekannt vor. Das sind zwei meiner „Innenhof-Italiener.“ Die Sprache wird von Emotionen und einem fast schon singsangartigen Rhythmus beherrscht. Mir wird sofort klar: Hier sind zwei italienische Männer mit vollem Herzblut am Werk.

Mein italienisch ist leider nicht vorhanden und ich verstehe nur Worte wie Casa, Piccolo, Grande und Bella. Das war es dann aber auch. Allerdings braucht man diese beiden Männer auch nicht verstehen, denn allein ihre Stimmlagen und das Temperament, mit dem sie ihre Sätze hervorbringen versetzen mich auf einen Marktplatz in Napoli wo sich die beiden um die täglichen Weltereignisse streiten. Irgendwie ist das wie Musik.


Kaum habe ich diesen Gedanken gefasst, fängt einer der Männer zu pfeifen an. Er trillert eine Melodie und der andere brummelt ein paar unverständliche Textzeilen dazu. Nicht schlecht. Dann wird die Tür aufgerissen und ich erstarre auf meinen Toilettensitz. Eine Frauenstimme mischt sich in das Männergespräch. „Giancarlo“ wird einer der Männer angesprochen und muss danach eine Tirade von Sätzen über sich ergehen lassen, von denen ich kein Wort verstehe. Ich frage mich nur: Was macht die Frau hier auf der Herrentoilette? Es wird vermutlich wichtig sein.



Kurze Zeit später ist die Frau wieder draußen und die beiden Männer verabschieden sich lautstark. Einer verlässt den Raum und der zweite fängt, kurz nachdem er sich allein wähnt, zu singen an. Ich fasse es nicht. Als ich die Augen schließe, sehe ich einen italienischen Gondoliere vor mir, der seine Gondel durch die malerischen Kanäle von Venedig steuert. Ich muss an mich halten, um nicht lauthals in die italienische Serenade einzufallen. Ist das ein Traum, oder erlebe ich das gerade wirklich? Was könnte noch passieren? Kommt die Frau wieder herein und singt eine Opernarie? Oder vielleicht macht sie Spaghetti wie Giancarlos Mama? Dazu wuseln kleine Bambinos durch die Toilettenräume und spielen sich gegenseitig Streiche. Ich schlage mir zwei Mal mit der Hand gegen den Kopf, um in die Wirklichkeit zurück zu gelangen. Eins steht fest: Ich werde meine kleine Kabine nicht verlassen, ehe der Spuk vorbei ist. Ich will nichts unterbrechen und alles live erleben.


Zwei Strophen später ist Giancarlo, oder sein Kumpel, mit seinem Auftritt durch und wäscht sich die Hände. Als das Laufen des Wassers verstummt, höre ich Sekunden später das Schließen der Tür. War es das jetzt? Oder kommt da noch was? Die Frau vielleicht?


So richtig traue ich mich noch nicht aus der Toilette heraus. Aber letztendlich lässt es sich nicht vermeiden. Ich öffne die Tür und bin erstaunt, dass ich weder die Straßen von Napoli noch die Kanäle von Venedig sehe. Ich bin noch immer in der schmucken Toilette in einem Wiener Hotel. Gott sei Dank.


Wien hat mir in den letzten Tagen Tausend Eindrücke mit auf den Weg gegeben. Kleine Geschehnisse, die sich zu Geschichten verweben lassen. Aber Giancarlo und seine Freunde werden dabei einen Ehrenplatz erhalten. Soviel steht fest…      



Thomas Knackstedt             




 

 

 

 

 

 

 

 

 

988817