Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.





Über den Wolken

 

Es ist warm. Sehr warm. Für März ist das ungewöhnlich. Aber nicht auf La Palma. Wir stehen mit unseren Rädern am Hafen von Santa Cruz und wollen verdammt hoch hinaus. Blecki sieht mit seinem roten Saeco-Shirt, dem schwarzen Basecap und der dunklen Brille aus wie ein echter Hardcore-Biker. Na ja… er sieht nicht nur so aus, eigentlich ist er einer. Ich bin durch Zufall aufs Rad gekommen. Mit einer Verletzung, die mich ein Jahr nicht laufen ließ, wich ich auf das Rad aus. Da allein fahren auf die Dauer langweilig war, suchte ich einen Partner. Ich fand Blecki. Ein echter Glücksgriff. Nie wieder lernte ich so viel über Räder, wie in der Zeit mit ihm. Dazu war er ein Hasardeur auf dem Rad mit jeder Menge Power in den Beinen. Auf unseren ersten Fahrten musste ich um mein Leben treten, damit ich nicht abgehängt wurde. Seine Frau sagte irgendwann zu mir: „Weißt du was, Thomas? Es sind schon ganz viele gekommen, die mit Blecki fahren wollten. Aber du bist der erste, der nach der ersten Fahrt wiedergekommen ist.“ Das machte mich schon ein bisschen stolz.



Jetzt sind wir ganz weit weg von zu Hause und planen eine Fahrt in den Himmel hinein. Es soll weit nach oben gehen. Wir wollen die 37 Kilometer zum Roque de Los Muchachos hinauf. Von Meereshöhe auf 2426 Meter zu klettern ist genau unser Ding. Deshalb sind wir hier. Es ist nicht unser erster Radurlaub und wir wissen, dass wir den Anstieg hinbekommen. Wir sind gut trainiert und haben uns mit Tausenden von gemeinsamen Radkilometern vorbereitet

Die Frauen sind mit dem Wagen mitgefahren. Sie wollen in der Stadt shoppen und anschließend in eine „Meeres-Badeanstalt.“ So hat jeder seinen Spaß.


 

Wir schultern die Rucksäcke, in denen sich verschiedene Umzieh-Klamotten befinden. Auf einer Tour in die Wolken hinein muss man auf alles vorbereitet sein. Zunächst heißt unsere Ausrüstung: Kurze Hose, Leibchen. Alles andere wäre zu warm.

 

Auf der LP-4 kurbeln wir die ersten Spitzkehren aus Santa Cruz hinaus. Wir sind frisch und die Steigungsprozente moderat. Hier ist alles nur reiner Spaß. Blecki fährt voraus, ich genieße seinen Windschatten. Die Straße legt ein wildes Zickzack-Band hin, ehe sie in den Wald eintaucht. Bevor es zwischen die ersten Bäume geht, sehe ich, dass sich der Himmel bezieht. Ein dichtes Wolkeband schiebt sich vor den Roque.

 

Im Wald wartet ein echtes Serpentinen-Festival auf uns. Wir schrauben uns nach und nach weiter hinauf, passieren etliche Bachläufe und müssen mehrfach über den Barranco de Dolores fahren. Wir stoßen an die Wolkendecke und bemerken sofort die frische Kühle, die uns umfängt. Wir fahren kurz an den Straßenrand und ziehen uns lange Shirts über. Dann geht es weiter nach oben. In den nebligen Wolkenfetzen wird die Fahrt zum surrealen Traumerlebnis. Gut, dass auf der Straße praktisch kein Verkehr herrscht. Wir sind für uns allein.



Wir durchstoßen die erste Wolkendecke und sehen ein zweite, weit über uns. Wir fahren am Pico La Nieve vorbei. Ich schaue mich um. Der Wald dünnte jetzt langsam aus. Es dauert nur ein paar Minuten und wir sind in freiem Gelände. Es wird kalt. Wir pausieren kurz und holen die langen Hosen und die Wintersachen aus den Rucksäcken. Um uns herum sind jetzt nur noch niedrige Büsche, Geröll und Steine.

 

Warm angezogen durchstoßen wir die zweite Wolkendecke. Auch hier könnten wir in den Wolken verstecken spielen. Es ist wie in einem Traum. Wir haben jetzt bereits über zwei Stunden Radfahrt in den Beinen. Immer nach oben. Es gibt keine Flachstücke oder Ausruhpassagen. Unseren Beinen macht das heute nichts. Wir futtern mit den Augen jeden Ausblick, den wir erhaschen können. Dazu gehört jetzt auch ein Blick auf den Teide. Den weit entfernten höchsten Berg Tennerifas. Wir sehen ihn, als wir aus der zweiten Wolkenschicht heraus sind und strahlender Sonnenschein uns umhüllt. Der Teide schwebt wie eine Fatamorgana am Horizont. Verrückt.


 

Der Mirador de Los Ardenes weist uns den Weg zum Gipfel. Jetzt liegen Schneefelder neben der Straße und es wird empfindlich kalt. Wir sind allerdings von der heftigen Bergauffahrt warm und kochen eher, als das wir frieren. Dann sehen wir die Kuppeln der Observatorien auf dem Roque de Los Muchacho. Wie riesige Champignons stechen sie aus der kargen Geröll- und Eislandschaft hervor.


 

Als wir mit den Rädern zum Übersichtspunkt auf dem Gipfel kommen, sind wir ein beliebtes Fotomotiv für die Hand voller Touristen, die dort im Schnee stehen. Die müssen uns für komplett verrückt halten. Seit ich mit Blecki zusammen fahre, habe ich mich daran gewöhnt. Nicht viele würden auf den Gedanken kommen, hier oben mit dem Rad aufzukreuzen. Na ja, es gibt halt nicht viele, die wissen, wie wunderschön das ist.

 

Wir stapfen durch den Schnee und schießen Fotos. Blecki hat unser „Mulis“, wie er die Räder liebevoll nennt, an einen Felsen gelehnt. Dann posiert er für mich am Gipfelschild des Roque. Ein verdammt schönes Foto. Ich checke den Tacho meines Rades. Wir haben für die 37 Kilometer doch tatsächlich 2:50 Stunden gebraucht. Der Hammer. Auf flacher Strecke könnte ich diese Strecke schneller laufen.



Wir können nicht all zu lange verweilen. Wenn wir hier auskühlen holen wir uns auf der Abfahrt den Tod. Hinunter zwingen uns die Serpentinen zu wahren Brems-Orgien. Wir benötigen 50 Minuten, dann sind wir unten. Eine Höllenfahrt. Wie weit wir oben waren, stelle ich fest, als ich sehe, dass meine Wasserflasche sich in eine Art Plastikbriefmarke verwandelt hat. Auch auf der Abfahrt mussten wir zwei Mal die Klamotten wechseln. Jetzt sind wir wieder im leichten Radfahrer-Sommer Oufit und kurbeln die letzten Kilometer zu unserer Unterkunft.

 

Wir waren ganz hoch hinaus. Im Himmel. Jedenfalls war er das für uns. Mit einem Freund, einem Rad und dem Herzen im Hier und Jetzt. Ich habe diese Fahrt genossen und freue mich auf sehr viel mehr…


 

Thomas Knackstedt          




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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