Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 


Der krumme Hund

 

Eines Morgens war er einfach da. Von der Seite sah er aus wie ein verbogener Nagel. Er saß auf der Spitze des Giebels unseres Nachbarhauses und sang. Denn der krumme Hund war gar kein Hund, sondern ein Star.

 

Ich weiß nicht warum, aber als ich ihn das erste Mal sah, sagte ich zur Liebe meines Lebens: „Schau Dir mal diesen krummen Hund an.“ Sein Körper war in der Mitte wie abgeknickt. Sonderbar. Der Schönheit seines Gesangs tat dieser schiefe Körperbau keinen Abbruch. Der krumme Hund war in Sachen Gesang ein Meister seines Fachs.

 

Wenn wir in der Stube oder auf dem Balkon waren, ging unser Blick automatisch zum Nachbarhaus. Der krumme Hund saß jeden Morgen und jeden Abend auf der Giebelspitze und sang seine Lieder. Dabei war er stets allein und ich fragte mich, warum er sich genau diesen Platz mit unglaublicher Beharrlichkeit aussuchte.


 

Im Wein an unserer Hauswand brüteten Meisen und Spatzen. Im Efeu an der Wand des Nachbarhauses zogen zwei Amseln ihren Nachwuchs groß. Im Garten flogen zwei Gartenrotschwänze mit Futter für die Brut in den Schnäbeln um die Wette. Doch der krumme Hund blieb allein.

 

Nachdem wir ihn wochenlang am gleichen Platz gesehen hatten, wechselte der krumme Hund die Giebelseite des Hauses. Wieso er das tat wird sein Geheimnis bleiben. Sein Gesang erklang nach wie vor. Wenn ich morgens die Augen aufschlug hörte ich den krummen Hund singen, als ginge es um sein Leben. Abends unterhielt er uns mit leichter, beschwingter Kost. Das war wunderschön.

 

Irgendwann wurden seine Auftritte seltener und dann verschwanden sie ganz. Ich bin mir sicher, egal wie krumm und schief unser gefiederter Freund auch war, sein Gesang wird eines Tages ein Herz erreicht und erweicht haben. Ich gönne es ihm. Er hat sich mächtig ins Zeug gelegt und sollte für seinen Aufwand belohnt werden.

 

Der Gesang des krummen Hundes fehlt mir. Er hinterlässt ein kleines Loch in unserem Leben. Aber wer weiß, vielleicht sehen und hören wir uns im nächsten Frühjahr wieder. Ich werde warten…



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

 

 

 

 

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